Kolonialpolitik des 20 Jhd.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verdichten und formalisieren die europäischen Staaten die Herrschaft über ihre Kolonialgebiete. An der dort lebenden Bevölkerung wollen sie eine „Zivilisierungsmission“ erfüllen. Widerstand beantworten sie mit rücksichtsloser Gewalt, zu der sie sich auch durch die aufkommende „Rassenlehre“ und die herrschende Völkerrechtsauffassung ihrer Zeit berechtigt glauben.

„Wettlauf um Afrika“ und Ausdehnung imperialer Macht in Asien

Als die Vertreter der europäischen Mächte und der USA am letzten Tag der Berliner Konferenz (15.11.1884 – 26.2.1885) ihre Unterschriften unter die sogenannte Kongo-Akte setzten und das riesige Kongobecken zu einer Freihandelszone erklärten, machten sie nicht nur wirtschaftliche Interessen geltend: Sie legten damit das Fundament des Hochimperialismus. Denn anders als vielfach behauptet, beschlossen sie auf der Berliner Kongo-Konferenz nicht, Afrika untereinander aufzuteilen. Faktisch war der „Wettlauf um Afrika“ längst im Gange. Vielmehr verständigten sie sich darauf, dass koloniale Inbesitznahme künftig „effektiv“ zu sein hatte, um anerkannt zu werden; und das hieß, dass in der Kolonie zumindest rudimentäre Strukturen eines territorialen Verwaltungsstaates auszubilden waren. Unter Kapitel VI der Akte vereinbarten sie, wie künftig der Anspruch auf europäischen Besitz zu erheben und zu legitimieren war: Wolle man von neuen Gebieten Besitz ergreifen oder auch nur eine „Schutzherrschaft“errichten, so sei den übrigen europäischen Mächten davon Kenntnis zu geben, damit eventuelle Einsprüche geltend gemacht werden konnten. Zudem gehöre zur Inbesitznahme zwingend dazu, eine „Obrigkeit zu sichern, welche hinreicht, um erworbene Rechte und, gegebenenfalls, die Handels-und Durchgangsfreiheit (…) zu schützen“ (Art. 35 der Kongo-Akte).

Gewalt und Völkerrecht

Eine der zentralen Herrschaftstechniken der europäischen Mächte war die Anwendung von Gewalt. Im kolonialen Alltag war sie allgegenwärtig,sei es, indem sie konkret ausgeübt wurde, sei es, dass sie als permanente Androhung präsent war. Europäische Herrschaft war stets gefährdet, ihr wurde (mitunter gewaltvoller) Widerstand entgegengesetzt –und sie wurde von den Europäern auch als gefährdet empfunden. Deshalb erachteten sie es für notwendig, Aufstände brutal niederzuschlagen, Strafexpeditionen durchzuführen und blutige Exempel zu statuieren. Zwangsumsiedlungen waren gang und gäbe, wenn es etwa galt, Epidemien wie die Schlafkrankheit zu bekämpfen; und mit Gewalt wurden unzählige Menschen in den Kolonien zur Arbeit auf Plantagen, zum Abbau von Rohstoffen oder zur Arbeit in Fabriken gezwungen. In vielen Gegenden der Welt hat sich physische Gewalt als Mittel, Macht auszuüben und Herrschaft zu sichern, bis heute erhalten, auch weil sich die Staaten, historisch gesehen, kaum friedlich, sondern meist im Ergebnis gewaltsamer Auseinandersetzungen gebildet haben.

Besondere Härte in einer oftmals als lebensfeindlich empfundenen, fremden Umwelt zu zeigen,gehörte zum Selbstbild europäischer Männer in den Kolonien. Und auch in den europäischen Gesellschaften selbst war weithin anerkannt, dass die zivilisatorischen Aufgaben gegebenenfalls nur durch den Gebrauch von Gewalt erfüllt werden konnten. Während „derbürgerliche Wertehimmel“, so der Titel eines Buches des Historikers Manfred Hettling, also das Bündel von Pflichten und idealen Eigenschaften, Europäern Tugenden wie Selbstbeherrschung nahelegte, kamen diese in den kolonialen Gewalträumen nur allmählich zur Anwendung.

Wirtschaft in der Globalisierung

Das späte 19. Jahrhundert erlebte eine weltweite Vernetzung, die in Ausmaß und Tiefe erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts vergleichbar erreicht wurde. Internationale Verbindungen verdichteten sich; Personen, Waren, von Menschen geschaffene oder bearbeitete (Kunst-)Gegenstände (Artefakte), aber auch Ordnungsvorstellungen zirkulierten in globalem Maßstab. Dies hatte zuallererst mit verbesserter Kommunikation zu tun. Nicht nur Nachrichten verbreiteten sichnun schneller zwischen den Kontinenten, sondern auch die Handelswege erfuhren eine rasante Beschleunigung. Nachdem der Suez-Kanal ab 1869 dem Schiffsverkehr offenstand, verkürzte sich beispielsweise die Reisezeit von London ins indische Mumbai um 41 Prozent. Die alten Segelschiffe wurden nun zunehmend durch die schnelleren und windunabhängigen Dampfschiffe verdrängt. Benötigten Reisende von Amsterdam nach Java in den 1850er-Jahren noch drei bis vier Monate, so waren sie um 1900 nur noch einen Monat lang unterwegs.

Transporte wurden billiger: Die Frachtraten sanken zwischen 1870 und 1913 um 50 Prozent. Moderne Kühltechnik an Bord erlaubte bald auch den Transport verderblicher Waren. Erst dadurch wurde der globale Handel, beispielsweise mit Fleisch oder Bananen, in großem Stil möglich. Einzelne Regionen der Welt setzten vor diesem Hintergrund bald vorrangig auf die Erzeugung von Agrarprodukten wie etwa Neuseeland, Kanada und Australien als Hauptlieferanten Großbritanniens. Insgesamt wuchs der Welthandel zwischen 1850 und 1913 um das Zehnfache.

Imperiale Wirtschaftspolitik –Fluch oder Segen?

Der asymmetrische Charakter des Kolonialismus, der die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und seinen Kolonien von Anbeginn geprägt hatte, setzte sich in der Epoche des Hochimperialismus fort. Ungleiche Verträge, die Durchsetzung westlicher Vorstellungen von Eigentumsrechten und der Schutz europäischer Händler und Investoren durch die kolonialen Verwaltungen sorgten dafür, dass die wirtschaftlichen Interessen der Einheimischen denen der Kolonialmächte nachgeordnet wurden. Gleiches lässt sich für die westliche „Politik der offenen Tür“ gegenüber China sagen, in deren Rahmen sich die westlichen Großmächte gewaltsam freien Zugang zum chinesischen Markt verschafften. Auch setzte sich der „ökologische Imperialismus“ (Alfred Crosby) fort, der wenig Rücksichten darauf nahm, wie mit lokalen natürlichen Ressourcen umgegangen wurde. Dies galt erst recht für die europäischen Kriegswirtschaften, vor allem für Großbritannien und Frankreich, die während des Ersten Weltkriegs in erheblichem Maße auf Rohstoffe und Arbeitskräfte aus den Kolonien zugriffen.

Die Deutung, die europäischen Kolonialmächte hätten die außereuropäische Welt nur ausgebeutet, greift freilich zu kurz. Ohne den „Nutzen“ oder gar „Segen“ europäischer Herrschaft überzeichnen zu wollen, wie dies lange und häufig in der europäischen Selbstwahrnehmung der Fall war, so ist doch festzuhalten, dass in vielen Regionen der Welt der europäische Einfluss wichtige Entwicklungen in Gang gebracht oder zumindest verstärkt hat. Der Historiker Wolfgang Reinhard hat in seinen Forschungsergebnissen diesen Nutzen für die globale Weltgemeinschaft unterstrichen.Als Beispiel ließe sich die Verbreitung der modernen Technik in Gestalt vonDampfmaschinen, Dieselmotoren und Elektrizitätsversorgung nennen. Aber auch wissenschaftliche Errungenschaften –etwa die Erschließung, Standardisierung und Verbreitung indigener Sprachen wie der Bantu-Sprache Swahili (Kishuaeli) –lassen sich anführen, medizinische Erkenntnisse und Versorgungseinrichtungen, Verkehrsnetze, das Schulwesen und schließlich politische und gesellschaftliche Leitvorstellungen –etwa hinsichtlich der Gleichstellung der Frauen –, welche die Europäer in ihrem Einflussbereich verbreitet haben.

Quelle: https://www.bpb.de/izpb/280652/die-epoche-des-hochimperialismus

Weitere Infos: Imperialismus einfach erklärt, von „MrWissen2go Geschichte“, in: https://www.youtube.com/watch?v=rhojpLRC_IU

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